Im Rahmen der sogenannten „Continental Challenge“ bei welcher man fünf bestimmte Etappenrennen auf fünf Kontinenten innerhalb von zwei Jahren zu absolvieren hat, stand nun „Ultra AFRICA Race!” stellvertretend für den afrikanischen Kontinent in Mosambik an. Nach der Anreise über Frankfurt – Istanbul – Johannisburg nach Maputo folgte nach dem offiziellen Treffen der Teilnehmer eine sechsstündige Busfahrt zum Basecamp südlich der Hauptstadt. Hier bezog ich gemeinsam mit meinem späteren Zeltmitbewohner Gurkan Acikgoz aus der Türkei eine Lodge, ehe am Folgetag der Equipment- und Medical-Check zu absolvieren war. Es wurde geprüft, ob die Pflichtausrüstung sowie die vorgeschriebenen 2.000 Kalorien in Form von Lebensmitteln je Tag vorhanden waren. Außerdem galt es einer Untersuchung durch die zwei französischen Rennärzte standzuhalten.

Ein Rennen über 220 km und 3600 Höhenmeter

Nachdem alles für in Ordnung befunden wurde, startete der fünftägige Etappenlauf über 220 km und ca. 3600 Höhenmetern am Folgetag – Punkt neun Uhr.

Die erste Etappe mit 38 km beendete ich auf Platz 2. Auf dem letzten Kilometer konnte ich den Australier Jamie Hildage im Endspurt noch überholen, welcher überhaupt nicht mehr mit mir gerechnet hatte. Dieses Duell sollte mich noch die komplette Woche begleiten. Ursprünglich war geplant, zwei Kilometer weniger zu laufen, doch die Zahlungsforderungen des „Vorstehers“, des kleinen Örtchens, in welchem das erste Nachtlager vorgesehen war, waren dem Vernehmen nach zu hoch, weshalb wir einen Ort weitergelaufen sind.

Wir kampierten auf einer Freifläche in unmittelbarer Nähe einer Schule in Kanda. Die zahlreichen Kinder beobachteten das Geschehen neugierig und erste Kontaktaufnahmen zu den Einheimischen entstanden, welche uns Sportlern jederzeit herzlich und freundlich begegneten.

Die zweite Etappe

Tag zwei führte uns Läufer 37 km durch zahlreiche kleinere Ortschaften. Auf Platz drei liegend lief mein Zeltnachbar auf mich auf. Wir liefen einige Zeit zusammen, bis dieser unerwartet den Turbo zündete. Gurkan war bereits letztes Jahr bei dem Rennen aktiv und hatte Ortskenntnisse. Er ist amtierender Champion der Continental Challenge und ich wollte sein Tempo nicht mitgehen. Hier wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es sich trotz aller Kameradschaft abseits der Strecke um einen Wettkampf handelte und es um Zeiten und Platzierungen geht. Ein paar Minuten später schloss ich wieder auf den türkischen Läufer auf, überholte ihn und kam mit einem Vorsprung von rund 9 Minuten im Tagesziel an.

Hier erwartete uns eine besondere Überraschung, denn das Camp war in Reichweite eines Sees – also nichts wie rein ins kühle Nass – eine Wohltat.

Sinnflutartiger Regen auf Etappe 3

Stage 3 über 45 km ging als Regenetappe in die Geschichte des Rennens ein. Unmittelbar nach dem Start hat es angefangen, sinnflutartig zu regnen. Glücklicherweise hatte ich im Vorfeld meine Ausrüstung wie Schlafsack, Isomatte, Bekleidung und Verpflegung bestmöglich wasserdicht im Rucksack verstauen können.

An diesem Tag war es mein persönliches Ziel, bis zum ersten Checkpoint vorne mitzulaufen, um dann etwas Geschwindigkeit rauszunehmen und mit den Kräften hauszuhalten. Bis dorthin ging es einige Kilometer bergauf und ich ärgerte mich oben angekommen, dass sich nicht alle Läufer der Spitzengruppe an der Tempoarbeit beteiligten. Die angeschlagene Pace drosselte ich somit ganz bewusst und war zufrieden, den anstrengenden Tag nach den letzten vier Kilometern durch knöcheltiefen Sand auf Platz 4 beendet zu haben.

Begegnung mit einer Black Mamba

Beim Zubereiten des Abendessens hatten wir vor dem Zelt eine etwas andere Begegnung. Es bewegte sich etwas neben unseren Füßen im Sand und es kam eine kleine Schlange – Black Mamba – zum Vorschein, welche innerhalb weniger Sekunden im Gebüsch verschwand. Wir waren also spätestens jetzt gewarnt ganz penibel darauf zu achten, stets unsere Zelte zu verschließen. Denn wo eine kleine Schlange unterwegs ist, sind die ausgewachsenen Exemplare nicht weit entfernt.

Die längste Etappe des Rennens

Am Folgetag stand mit 53 km die längste Etappe des Rennens an. Die ersten Stunden war ich mit dem späteren Gewinner des Rennens, dem Rumänen Iulian Rotariu sowie dem bis dahin zweitplatzierten Australier unterwegs und das Tempo wurde verschärft. Hinter uns klaffte eine große Lücke und ich hatte mir vorgenommen, den Tag vor dem auf Platz 4 liegenden Champion aus der Türkei zu beenden, um vielleicht die Möglichkeit nutzen zu können, um vielleicht doch ein Platz unter den TOP 3 am Ende des Rennens einnehmen zu können – was ein Gedanke…

Da mir das Tempo etwas zu hoch war, habe ich die zwei starken Läufer vor mir ziehen lassen, fühlte mich jedoch in der von mir gewählten Laufgeschwindigkeit pudelwohl, in der Überzeugung den Tag auf Platz 3 abzuschließen. Plötzlich tauchte einige hundert Meter vor mir ein schwarzer Punkt auf, welcher sich gerade eine steile Sanddüne hocharbeitete – Jamie…

Just in dem Augenblick, als ich die Situation realisieren konnte, drehte sich mein Kontrahent um, sah mich in der Ferne und fing wieder an zu beschleunigen. Doch seine Bewegungen sahen nicht mehr leichtfüßig aus und er streute immer wieder kurze Gehpausen ein. Mit den Erfahrungen des ersten Tages arbeitete ich mich Meter für Meter näher ran, bis sich ein regelrechtes Duell zwischen uns entwickelte, bei welchem ich das bessere Ende für mich verbuchen konnte – eine Minute und 20 Sekunden Vorsprung am Tagesziel – Platz 2.


Foto (c) 2019 Canal Aventure / Gabriel Pielke

Besuch einer Schule mit Überraschungen für die Kids

Der letzte Tag startete mit einem Besuch in einer Schule. Wir wurden durch die anwesenden Lehrer offiziell begrüßt und durften kleinere Aufmerksamkeiten (Malbücher, Buntstifte) überreichen. Ich konnte in den Tagen zuvor beobachten, dass die Kids an vielen Orten mit einem aus Textilien zusammengebundenen Ball Fußball spielten. Als absolutes Highlight der Schüler erhielten diese einen „echten“ Fußball ausgehändigt. Eine solche Begeisterung und Freude habe ich zuvor selten miterleben können.

Die längste Finish-Line der Welt am Indischen Ozean

Sportlich gesehen wurde das Rennen am letzten Tag durch eine 47 km lange Strecke abgeschlossen. Ich konnte mir bis dato tatsächlich einen Vorsprung von einer Stunde und 15 Minuten auf Platz 4 erarbeiten und wollte auf keinen Fall meinen dritten Platz mehr hergeben. Es galt also „nur“ meinen türkischen Kumpel nicht vorbeiziehen zu lassen, um das Heft des Handels selbst in der Hand zu behalten. Also preschte ich nach dem Startschuss einfach los. Mental bin ich übrigens keine 47 km gelaufen, sondern 12 km bis zum ersten und 15 km bis zum zweiten Checkpoint. Die letzten 20 km direkt am Indischen Ozean habe ich mir als längste Finish-Line der Welt vorgestellt.

Foto 2 (c) 2019 Canal Aventure / Gabriel Pielke

Bis kurz hinter dem ersten Kontrollpunkt war ich ganz alleine im mosambikanischen Busch unterwegs. Ich genoss das Laufen und die zahlreichen Begegnungen mit Land und Leuten soweit das überhaupt möglich war. Irgendwann schloss der Gesamtführende auf mich auf und wir bildeten ein Laufduo. Iulian ist ein wahrer Sportsmann und nahm Rücksicht auf mich und meine Geschwindigkeit. Nachdem wir ein kleines Örtchen passiert hatten, bekam ich zufällig die Info, dass der Vorsprung des Australiers auf Gesamtrang 2 von 45 Minuten auf ca. 25 Minuten geschmolzen sei und es waren noch einige Kilometer zu absolvieren. Einer weiteren Motivationsspritze bedurfte es somit definitiv nicht mehr, mein Kampfgeist war nun richtig geweckt.

Der letzte Checkpoint wurde nach dem Überqueren zahlreicher Dünen erreicht, welche mir nochmals viel Kraft und Konzentration abverlangten. Hier trennten sich dann die Wege mit meinem treuen Begleiter. Ich befüllte ein letztes Mal meine Flaschen und rannte eine hohe Düne in Richtung Indischer Ozean runter – noch 20 km – nur noch 20 km bis in Ziel und hinter mir ist weit und breit kein Läufer zu sehen.

Extrem starker Gegenwind und Regen

Wer gedacht hatte, dass man das letzte Teilstück mal eben ganz locker absolvieren konnte, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Extrem starker Gegenwind, Regen, hohe Welle, welche an die Brandung klatschten und unendliche Weiten vermittelten mir das Gefühl, überhaupt nicht von der Stelle zu kommen. Ich verpflegte mich trotzdem immer weiter mit Wasser, Datteln, Feigen und in regelmäßigen Abständen mit Salztabletten, auch wenn mir von zahlreichen Litern Wasser in meinem Bauch schon längst übel war. Bis auf wenige Fischer entlang des Ozeans war keine Menschenseele ausfindig zu machen.

2. Platz unter dem Zielbogen am Strand von Jangamo

Nach 5 Stunden, 38 Minuten erreichte ich dann endlich den Zielbogen am Strand von Jangamo. Gurkan Acikgoz kam etwa eine halbe Stunde nach mir an, was für mich definitiv Platz 3 bedeutete. Da Jamie Hildage rund 70 Minuten nach mir die Finishline erreichte, konnte ich den Rückstand tatsächlich noch aufholen und nach dem völlig verdienten Sieger aus Rumänien den 2. Platz beim Ultra AFRICA Race belegen – was eine Aufholjagd.

Neben dem sportlichen Erfolg haben mich beim fünftägigen Etappenlauf über 220 km durch den mosambikanischen Busch mit einigen Herausforderungen und Positionskämpfen Land und Leute sehr beeindruckt/berührt. Die Offenheit, Gastfreundschaft und Fröhlichkeit der Leute – insbesondere der Kinder – werde ich nie vergessen…

Sascha Gramm

Sascha Gramm

www.sascha-lauftrainer.de

Seit über 20 Jahren aktiver Ausdauersportler, der immer auf der Suche nach neuen, sportlichen Herausforderungen ist. Mittlerweile auch als Laufrainer unterwegs, um Interessierten mit großer Freunde und Leidenschaft die zahlreichen Vorzüge des Laufens zu vermittlen. Für eine Challenge-Teilnahme mit Joey Kelly stand das Team von Doorout mit Rat und Tat zur Seite. Seitdem resultiert ein regelmäßiger Austausch zudem auch das Verfassen von diversen Blogbeiträgen zählt